Einleitung – Ethisch korrektes Leben

25 Oct
Diskussion vom 25 Oktober 2011, Wien

„Ethisch korrektes Leben“ – ein Begriff, der momentan in aller Munde ist. Bio- und Fairtrade-Produkte erleben einen wahren Boom und sind selbst aus den Regalen von Discount-Supermärkten nicht mehr wegzudenken. Große Konzerne wie Unilever und Regierungen implementieren CSR-Strategien und engagieren sich für die Förderung nachhaltiger sozialer, ökonomischer und ökologischer Entwicklung, und Privathaushalte können sich zwischen grünem und „herkömmlichem“ Strom entscheiden. Alles nur Etikettenschwindel?­ Wie biologisch ist ein Apfel, der aus Frankreich nach Österreich importiert wird? Für wen ist Fair trade fair? Für die ProduzentInnen im globalen Süden, für die Handelsunternehmen, oder für die KonsumentInnen? Wie umweltverträglich ist ein Waschmittel, das nur aus natürlichen Stoffen hergestellt wurde? Wie grün ist der Strom, der aus unserer Streckdose kommt? Welche Sicherheit, dass die Produkte, die wir kaufen, auch diejenigen sind, für die wir sie halten, können wir in diesem Dickicht aus unterschiedlichsten Gütesiegeln und Labels überhaupt haben? Wie viel Profit bedeutet „ethisch korrekte Produktion“ für die Unternehmen? Welche Funktion haben wir KonsumentInnen? Machen wir mit dem Konsum ethisch korrekter Produkte, die oftmals empfindlich teurer als herkömmliche Produkte sind, die Welt wirklich besser, wie uns vielfach versprochen wird? Oder müssen wir uns doch mit der Einsicht begnügen, dass der einzige Kaufgrund für Bio- und Fair trade-Produkte ist, dass sie vielleicht ein bisschen besser für unsere Gesundheit als herkömmliche Produkte sein können (nicht zwangsläufig müssen), aber dass wir die Welt damit nicht retten können? Erkaufen wir uns damit möglicherweise ein Stück weit ein gutes Gewissen? Wie wirkt sich ethische Produktion, ethischer Handel und Konsum auf die wirtschaftlichen Verhältnisse aus? Kommt es im Bereich herkömmlich hergestellter Produkte zu einem verstärkten Preisdumping? Kann der Markt für ethisch korrekte Produkte als autonomer Markt neben dem „normalen“ Markt bestehen? Ist dieser Protektionismus ein Gewinn für ProduzentInnen, Unternehmen und KonsumentInnen? Kann sich daraus die gesamte Produktion ändern? Wie viel individuelle Verantwortlichkeit für die Gesellschaft (durch den Konsum ethisch korrekter Produkte) tragen wir letztendlich wirklich bzw. sind wir imstande zu tragen?

Die Palette an „grünen“ Produkten ist groß. Sie beginnt bei Bio-Lebensmitteln, die man schon längst nicht mehr nur bei Bio-BäuerInnen selber oder in Biomärkten, sondern auch in herkömmlichen Supermärkten kaufen kann, geht über ökologische Kosmetikartikeln und Reinigungsprodukte, und setzt sich schließlich fort bei Kleidung, ökologischen Baumaterialien und Energiegewinnungstechnologien, und sogenannten Bio-Brennstoffen. Jeder und jede kann – sofern die finanziellen Möglichkeiten gegeben sind – grünen Strom für den Privathaushalt beziehen, oder überhaupt gleich ein Sonnenpanel auf dem Hausdach montieren, eine kleine Privat-Windmühle aufstellen, ein Auto mit Stromantrieb oder zumindest ein Modell mit Hybridmotor fahren. Wer keinen eigenen Garten beim Wohnhaus hat, kann sich dem neuen Trend des guerilla gardening in Großstädten anschließen, um dort eigenes Gemüse und Obst anzubauen.

Prinzipiell geht es bei biologischer Landwirtschaft darum, Produkte in Hinsicht auf Erkenntnisse der Ökologie und des Umweltschutzes schonend zu erzeugen. Es dürfen daher bei der Produktion bestimmte Dünger und Pflanzenschutzmittel nicht verwendet werden, keine gentechnischen Veränderungen am Saatgut vorgenommen werden, und vor dem Verkauf keine künstlichen Aromastoffe, Konservierungsmittel etc. zugefügt werden. Häufig werden diese Produkte daher auch als gesünder für den Menschen beworben. Sonnenkollektoren fürs heimische Dach oder Konzepte wie guerilla gardening sollen einerseits ebenso eine höhere Umweltverträglichkeit der Strom- oder Lebensmittelproduktion fördern, andererseits aber auch die Abhängigkeit vom „herkömmlichen, sozial und ökologisch ausbeutenden“ Markt bekämpfen.

Gegen die Ausbeutung im sozialen, ökologischen und ökonomischen Bereich wenden sich auch Konzepte des fairen Handels. Fair trade soll einerseits den ProduzentInnen im globalen Süden, die an der Peripherie der globalen Warenketten stehen und dem höchsten Grad an Ausbeutung ausgesetzt sind, eine faire Bezahlung für ihre Arbeit garantieren. Auf diese Weise soll soziale Nachhaltigkeit, d.h. die Partizipationsmöglichkeit dieser Menschen an der Gesellschaft, gefördert werden. Zusätzlich sieht Fair trade zumeist auch ökologische Nachhaltigkeit in der Produktion vor, sodass letztendlich ein System der ökonomischen Nachhaltigkeit geschaffen werden kann, das dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand bietet.

Im Bereich der Unternehmensführung hat es sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt, CSR-Strategien zu implementieren. Damit wird wiederum auf die Idee von „Nachhaltigkeit“ verwiesen: Unternehmen sollen ihrer individuelle Verantwortung der Gesellschaft gegenüber durch Strategien der sozialen Nachhaltigkeit, d.h. guten und produktiven Beziehungen zu den MitarbeiterInnen und Stakeholdern, und der ökologischen Nachhaltigkeit, d.h. umweltverträglichen Produktions- und Distributionsmethoden, nachkommen, um ökonomische Nachhaltigkeit zu erreichen. Je nachhaltiger ein Unternehmen wirtschaftet, desto eher kann es im globalen Konkurrenzkampf bestehen.

„Ethisch korrektes Leben“ bzw. „grüner Lifestyle“ vereint eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte und Ideen im selben Begriff. „Bio“ bedeutet nicht automatisch „Fairtrade“, „Nachhaltigkeit“ bedeutet nicht immer eine Bezugnahme auf „bio“ und „fair“, „Naturkosmetik“ bedeutet nicht immer auch „bio“, „Corporate Social Responsibility“ nicht unbedingt z.B. auch ökologische und/oder faire Produktion im Drei-Säulen-Modell der sozialen, ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit. Noch vor ein paar Jahren war der Versuch, ethisch korrekt zu leben, vor allem „Hippies“ oder „Weltverbesserern“ in Birkenstock-Schlapfen und Leinenkleidung vorbehalten, mittlerweile jedoch versteht sich darunter oftmals eigentlich ein Konzept, das einen bestimmten Lifestyle der oberen, häufig urbanen, Mittelschicht ausdrückt. Es ist hip, „grün“ zu konsumieren. Weil ethisch korrekte Produkte zumeist teurer als herkömmlich hergestellte sind, sind sie tendenziell einer kaufkräftigeren Schicht vorbehalten – wobei auch das Segment der biologischen und fairen Lebensmittel dem allgemeinen Preisdumping ausgesetzt ist und deswegen immer billiger angeboten werden kann. Dieser grüne Lifestyle hat ein doppeltes Gesicht: Auf der einen Seite dient er der Schaffung einer gemeinsamen Identität dieser Gesellschaftsschicht, und damit automatisch also der Abgrenzung gegenüber anderen Schichten, aber auf der anderen Seite soll dieser Lifestyle auch soziale Nachhaltigkeit fördern. Soziale Nachhaltigkeit bedeutet Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft, d.h. dass alle Menschen einen gerechten Zugang zu Chancen und Ressourcen haben. Dies steht im Kontrast zur inhärenten Idee der Abgrenzung gegenüber anderen sozialen Schichten, aber Grundsatz des grünen Lifestyles ist es für viele seiner VertreterInnen auch, dass immer mehr Menschen in diesen Lebensstil inkludiert werden sollen. Solange, bis die gesamte Produktion und Distribution von Gütern über den wachsenden ethisch korrekten Markt abläuft, wird es eine Zweiteilung des Marktes in einen ethischen und einen unethischen geben.

Letztendlich, so das Resumée, liegt es an uns KonsumentInnen, ob wir die Welt mit dem Konsum ethisch korrekter Produkte und der Unterstützung ethisch korrekter Produktions- und Distributionsmethoden besser machen wollen. Jeder und jede von uns ist mit seinen/ihren individuellen Handlungen und Kaufentscheidungen daran beteiligt, ob sich nun ein ausbeutendes oder ethisches Modell des Marktes durchsetzt. Folglich müssen wir vor jedem Kauf überlegen, welche Produktionsketten das Produkt durchlaufen hat, wer es produziert hat, von wem es weiterverarbeitet wurde, wie es produziert und verarbeitet wurde etc., und inwiefern auch der/die unmittelbare VerkäuferIn dieses Produktes seine/ihre MitarbeiterInnen fair behandelt, ob sein/ihr Unternehmen mit Solarstrom oder „herkömmlichem“ Strom läuft etc.

Ethisch handeln bedeutet Verantwortung zu tragen. Wie viel Verantwortung kann der/die Einzelne aber tatsächlich tragen, und ist es nicht eher die Aufgabe der gesamten Gesellschaft, die gesamte Produktion zu ändern, und nicht nur einen Bereich daraus? Wie viel Lohn empfinden wir persönlich als fair für die ProduzentInnen unserer Bananen? Wie viel Lohn stehen wir den MitarbeiterInnen im Nähbetrieb in Sri Lanka zu, die unser T-Shirt gefertigt haben? Und wie viel sind wir dann tatsächlich bereit, für das fertige Produkt im Geschäft zu zahlen, wenn wir daneben immer die Möglichkeit haben, auch ein herkömmlich produziertes, billigeres Produkt zu kaufen? Inwiefern kann dieser separate Markt, der vorgeblich ethisch korrekt funktioniert, überhaupt neben dem normalen Markt bestehen, und welche Folgen hat das für den normalen Markt? Kommt es darin vielleicht zu einem noch stärkeren Preisdumping, insbesondere, wenn auch der faire Markt einer starken Konkurrenz und Preisdumping ausgesetzt ist?

Wie können wir uns bei sogenannten „grünen“ Produkten sicher sein, dass sie tatsächlich so „grün“ sind, wie sie beworben werden? Wie gehen wir z.B. mit der Frage nach der Entsorgung von Energiesparlampen um, die jahrelang als umweltverträglichere Lichtquelle als die Glühbirne angepriesen wurde, und von der sich nun herausgestellt hat, dass ihre Produktion und ihre Entsorgung viel energieintensiver ist als die der Glühbirne? Sollen wir uns Solarpanels auf das Dach montieren, wenn wir doch mittlerweile wissen, dass deren Produktion immens energieintensiv ist, und nur uns als KonsumentInnen im Endeffekt eine finanzielle Ersparnis (über einen gewissen Zeitraum hinweg) ermöglicht – und den ProduzentInnen einen großen Gewinn? Wie gehen wir damit um, dass große Konzerne wie z.B. Unilever oder Nestlé in ihrem Produktsortiment faire neben herkömmlich produzierten Artikeln anbieten, und selbstverständlich CSR-Strategien in ihren Firmenphilosophien verankert haben, obwohl diese Firmen teilweise mit Kinderarbeit produzieren lassen, gentechnisch veränderte Zutaten verwenden, etwaige KritikerInnen mundtot machen lassen etc. – reichen hier also die CSR-Strategien sowieso nicht über die Führungsriege hinweg in die unteren Schichten der Firmenhierarchie? Welche Rolle spielt Lobbyismus bei der Vertretung der einen oder anderen Produktionsmethode? Wie sollen wir als KonsumentInnen alle relevanten Informationen bekommen, um ein Wissen darüber zu erlangen, wer unethisch, und wer ethisch produziert? Verlassen wir uns letztendlich dann doch wieder auf gewisse Gütesiegel oder Labels? Wer hat tatsächlich die Zeit, die notwendig ist, um bei jeder Kaufentscheidung zu überprüfen, wie das Produkt hergestellt wurde? Können wir durch Shopping tatsächlich die Welt verändern, oder bräuchten wir dafür größere Ideen?

Raffaela

(1)    Corporate Social Responsibility

(2)    Österreich ist weltweit der drittgrößte Produzent biologischer Lebensmittel (nach den Falkland Inseln und Liechtenstein, gemessen an den gesamten Anbauflächen). 16% der heimischen Anbauflächen werden biologisch bewirtschaftet.

(3)    „Nachhaltigkeit“ als zentrales Konzept des Brundtland-Reports der Vereinigten Nationen von 1987:
Der Abschlussbericht der Brundtland-Kommission „Unsere gemeinsame Zukunft“ ist deswegen so bedeutend für die internationale Debatte über Entwicklungs- und Umweltpolitik, weil hier erstmals das Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ entwickelt wurde. Die Kommission versteht darunter eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ Das von der Kommission vorgestellte Konzept einer nachhaltigen Entwicklung bildete zum ersten Mal die Grundlage einer integrativen globalen Politikstrategie. So wurden herkömmlich als getrennt betrachtete Problembereiche wie u.a. Umweltverschmutzung in Industrieländern, globale Hochrüstung, Schuldenkrise, Bevölkerungsentwicklung und Wüstenausbreitung in der Dritten Welt in einem Wirkungsgeflecht gesehen, das durch einzelne Maßnahmen nicht würde gelöst werden können. Nach Ansicht der Kommission muss einerseits die Armut in den Entwicklungsländern überwunden werden. In den Industrieländern ist dagegen der materielle Wohlstand mit der Erhaltung der Natur als Lebensgrundlage in Einklang zu bringen. Für die Zukunft muss davon ausgegangen werden, dass sich die Konsum- und Lebensweisen der westlichen Industrieländer nicht auf die gesamte derzeitige und zukünftige Weltbevölkerung übertragen lassen. Weiter stellt die Kommission fest, dass die Weltwirtschaft zwar die Bedürfnisse und legitimen Wünsche der Menschen befriedigen müsse. Das Weltwirtschaftswachstum dürfe aber die ökologischen Grenzen der Erde nicht sprengen. Auch müssten die Menschen viele ihrer Tätigkeiten und Lebensweisen ändern, wenn die Welt nicht vor unannehmbare menschliche Leiden und Umweltschäden gestellt werden solle. (http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland_report_1987_728.htm)

Weiterführende Literatur:

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One Response to “Einleitung – Ethisch korrektes Leben”

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  1. Intro – Living ethically correct « Discussion Group Spartacus - October 29, 2011

    […] introduction to the discussion about “ethically correct living” can be found on the German website. […]

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