Bericht – Nationalismus

12 Dec
Diskussion vom 08.12.2011, Wien

Der Bericht über die Diskussion zu „Nationalismus“ ist eine Zusammenschau der unterschiedlichen Meinungen, Ideen und Fragen, die während der Diskussion geäußert wurden, ist aber dennoch nicht als „neutral“ anzusehen, da natürlich auf die eine oder andere Weise meine eigenen Ansichten zu dem Thema auch im Text verwoben sind. „Neutralität“ ist meiner Meinung nach in politischen Diskursen weder möglich noch wirklich erstrebenswert, weil Reflexion und eine damit verbundene Revidierung oder Erweiterung der eigenen Ansichten und Ideen über unterschiedlichste Themen nur dann stattfinden kann, wenn man eben schon bestimmte Ansichten vertritt. In diesem Sinne steht auch dieser Bericht offen zur weiteren Diskussion und ist nichts „Festgeschriebenes“.

Raffaela, 12.12.2011

Was ist Nationalismus?

Ist Nationalismus entwicklungshemmend? Nationalismus kann im Gegenteil sehr viele Energien freisetzen, die aber nicht geordnet und kanalisiert werden können. Nationalismus kann innovativ wirken, wenn wir beispielsweise die Waffentechnik des Dritten Reichs betrachten, aber birgt zugleich große Gefahren.

Nationalismus wird oft mit religiösen Gefühlen verbunden, indem das Götzenbild „Nation“ angebetet wird; Nationalismus kann also nicht rein rational erklärt werden, und spricht existentielle Fragen der Menschen an. Die zentrale Frage, die sich dabei stellt, ist, ob es dem Menschen inhärent ist, sich von anderen abgrenzen zu wollen. Ist der Mensch des Menschen Wolf, oder ist er als soziales Wesen auf die Kooperation mit anderen angewiesen? Das Phänomen des Nationalismus scheint darauf hinzuweisen, dass sich Menschen voneinander abgrenzen wollen. In Kombination mit Neid auf Besitztümer des jeweils anderen erwachen Ressentiments, die unter anderem in der Form des Nationalismus in Erscheinung treten.

Nationalismus gibt es auf vielen Ebenen: Wir können „Nationalismus“ nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der subnationalen, z.B. in Flandern, oder übernationalen Ebene, z.B. in der EU, beobachten. Am Beginn der Debatte zu dem Thema steht daher die große Frage, was wir überhaupt als „Nation“ bezeichnen. Oft sprechen wir von „Nationalstaaten“, die wiederum auf dem Prinzip der Nation begründet sind. „Nation“ erscheint als eine gewisse Gemeinsamkeit, die alle Menschen auf einem gewissen Territorium teilen. Wenn wir aber Beispiele aus der Geschichte suchen – und da brauchen wir nicht weit zu gehen, denn auch Österreich ist erst 1918 als solches, wie wir es heute kennen, entstanden – wird offensichtlich, dass diese Gemeinsamkeit vielfach eine imaginierte ist (u.a. spricht Benedict Anderson von „imagined communities“). Die Nation ist nichts natürlich Gewachsenes, sondern von einem gewissen Teil der Menschen auf diesem Territorium Erschaffenes. Dieser Erschaffungsprozess verlief und verläuft sehr oft gewaltsam durch Kriege und Revolutionen, wird von Eliten durchgesetzt, und bringt neue Eliten hervor. Der Nationalismus gebärt in vielen Beispielen der Geschichte nicht die Nation, sondern die Nation den Nationalismus. „Nation“ wird zudem häufig mit der Idee einer gemeinsamen „Kultur“ in Verbindung gebracht, also eines gewissen Habitus, einer gewissen Sitte und Moral, einer gewissen Hochkultur etc., die sich von Habitus, Sitte, Moral und Hochkultur anderer „Kulturen“, d.h. Nationen, unterscheidet. Damit einhergehend ist eng das Konzept der „Identität“ verknüpft – unsere persönliche Identität wird also durch die nationale Identität bestimmt. Identität wiederum entsteht in der Abgrenzung vom Anderen: Indem wir uns auf verschiedenste Weise vom vermeintlich Anderen abgrenzen, produzieren wir unsere eigene Identität.

Identifikation durch die Nation

Da Nationalismus so eng mit der „Nation“ verbunden ist, und diese in ihrer heutigen Form erst mit dem Kapitalismus entstanden ist, war Nationalismus in Stammesverbänden, wie es in der Einleitung heißt, noch nicht vorhanden. Noch im Frühkapitalismus funktionierten Identitätszuschreibungen eher über die großen Städte, in denen Handel getrieben wurde, und erst später, als Handel und Reichtum wuchsen, entstand die Notwendigkeit, Nationen einzuführen. In diesem Zusammenhang ist auch Sprachenpolitik zu sehen, die nötig war, um eine gegenseitige Verständigung innerhalb eines gewissen Territoriums zu ermöglichen. Frankreich ist ein Musterbeispiel für so eine Sprachenpolitik, weil die Durchsetzung der französischen Hochsprache sehr zentralistisch gestaltet war und ist. Zwar gibt es regionale Varietäten der Sprache, dennoch ist eine Verständigung innerhalb dieses großen Staates problemlos möglich. Wo die genauen Grenzen zwischen einer Nation (im Sinne von „Kultur“) und der anderen verlaufen, ist undefiniert, weil es sich bei Nationen um abstrakte Gebilde handelt.

Früher verlief die Identifikation der Menschen mit der Religion, und als es die materiellen Bedingungen nicht mehr erlaubten, sich mit der Religion zu identifizieren, erfolgte die Identifikation mit dem Monarch, danach mit der Demokratie, und damit auch mit der Nation. Historisch spielte die Nation eine wichtige Rolle, weil sie paradoxerweise einen frühen Schritt im Prozess der Globalisierung darstellte. Jene größeren Einheiten, die gegründet wurden, um den internationalen Handel zu erleichtern, waren Nationen. In der Entstehung des Kapitalismus hatte der Nationalismus insofern eine progressive Kraft, da der Kapitalismus, um zu wachsen, immer neue Märkte erobern und schaffen muss. Diese progressive Kraft des Nationalismus besteht heute nicht mehr, da heute bereits alle Gebiete der Erde auf die eine oder andere Weise in den globalen Kapitalismus eingebunden sind. Heute wirkt Nationalismus in erster Linie abgrenzend und führt zu strukturellem Rassismus, der sich auf vielen Ebenen der Gesellschaft auswirkt.

Ist Nationalismus deshalb rein negativ? Wie gehen wir mit nationalen Minderheiten, z.B. den SlowenInnen in Kärnten, die sich oft sehr stark auf ihre nationale Identität beziehen? Eventuell können wir hier zwischen einem „aktiven“ und einem „passiven“ Nationalismus unterscheiden: Der passive Nationalismus wirkt vor allem identitätsstiftend, und der aktive Nationalismus führt zu aktiver Ab- und Ausgrenzung von vermeintlich Anderen. Nationalismus als Ideologie ist daher zu kritisieren, wobei eine Ideologie immer erst dann funktioniert, wenn eine gewisse Identifikation bereits zuvor stattgefunden hat.

Insbesondere, wenn die soziale Unsicherheit innerhalb der Gesellschaft größer wird, Familien zerfallen, Arbeitsplätze „wackeln“ oder überhaupt gestrichen werden, der Wohlfahrtsstaat immer weniger Leistungen zur Verfügung stellt etc., erlebt Nationalismus neuen Aufwind. Die Krise des Kapitalismus scheint insofern eng mit Nationalismus verbunden zu sein, und auf diese Weise verteidigt der Kapitalismus die Nationalstaaten, auch wenn sie sich gegenseitig bekämpfen. Ist eine weltweite Fürsorge der Menschen füreinander möglich? Kann die Identität des Menschen auch ohne Nationszuweisungen auskommen – also eine „Reduktion“ der Identität „nur“ auf das Mensch-Sein? Würden stattdessen neue Identitätszuschreibungen entstehen? Eine Welt ohne „Nation“ und „Nationalismus“ ist schwer vorstellbar, weil praktisch alle unsere Lebenszusammenhänge durch diese Kategorien bestimmt sind. Unsere Staatszugehörigkeit prägt unsere Identität auf vielfältige Weise und bestimmt je nach dem Land, dem wir angehören, welche Chancen wir im Leben haben. Indem außerdem Gemeinsamkeiten gesucht oder geschaffen werden, wirkt sich Nationalismus stabilisierend auf das Selbstwertgefühl aus. Eine Identifikation mit einer größeren Einheit ist wichtig, weil sie beruhigend ist, was insbesondere für MigrantInnen, die auf unterschiedlichste Weise ihr Heimatland verloren haben und deshalb in eine Identitätskrise geraten, sehr bedeutend sein kann.

Nation und Sprache

Inwiefern hängt die Frage nach der Nation mit der Frage nach (gemeinsamer) Sprache zusammen? Sollten Menschen in einer Welt ohne Nationen alle dieselbe Sprache sprechen? Würden sich Probleme des Zusammenlebens dann automatisch verringern? Würde infolge eine Art „Welteinheitsgesellschaft“ entstehen? Das Problem der unterschiedlichen Sprachen ist fundamental, weil es den Zugang zu Geistesschöpfungen, die nicht in der Muttersprache oder Zweit-, Drittsprache verfasst sind, erschwert. In Anbetracht dessen, dass in den meisten Staaten der Welt eine „eine Nation, eine Sprache“-Politik herrscht, und diese Sprachen sich von Nation zu Nation unterscheiden, bedeutet das, weniger über intellektuelle Produktionen, Visionen, Politiken etc. anderer Nationen zu wissen. Wenn sogar innerhalb einer Nation (offiziell) mehrere Sprachen gesprochen werden, wie z.B. in Belgien, wird die Verständigung noch schwieriger. Sind an die Sprache gewisse spezielle Geisteshaltungen gebunden? Gibt es beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der deutschen Sprache und den hochkulturellen Leistungen Deutschlands des 19. und 20. Jahrhunderts? Erschwert die Politik, innerhalb eines Staates möglichst eine gemeinsame Sprache durchzusetzen, in manchen Fällen die Nationsbildung, z.B. in Jugoslawien? Die Vielfalt der „Kulturen“, auch ihrer Sprachen, und deren Bewahrung stehen „über“ dem Ziel der Vereinheitlichung zur besseren Verständigung. Kommunikation verläuft auf vielen Kanälen und ist nicht allein auf die rein sprachliche Komponente beschränkt. Die Identifikation einer Gesellschaft ist vor allem eine materielle Identifikation, und hat mit der Sprache insofern weniger zu tun. Wenn eine bestimmte Sprache über eine anderssprachige politische Minorität „übergestülpt“ wird, führt dies eher zu Ressentiments gegenüber der Obrigkeit des Staates und zu Sezessionsbestrebungen als zu freudiger Annahme dieser Sprache im Namen der Nation.

Kann Nationalismus in gewissen Zusammenhängen emanzipierend wirken?

Einerseits kann Nationalismus tatsächlich emanzipierend wirken, wenn z.B. bei Sezessionsbewegungen marginalisierte Gruppen, die weniger Mitspracherechte in einem Staat haben als andere und eher an der Peripherie des kapitalistischen Systems sind, durch die Schaffung einer eigenen Nation auf Augenhöhe mit anderen Nationen kommunizieren und ihre Belange vorbringen können. Andererseits ist Nationalismus aber nicht emanzipierend, da diese Sezessionsbestrebungen oft durch Großmächte von außen oder Eliten von innen missbraucht werden, um eigene Interessen durchzusetzen, und die angebliche Verteidigung besonderer kultureller Werte nur als Ausrede für Krieg verwendet wird.

Auf der anderen Seite wiederum konnte Nationalismus beispielsweise in den nordischen Ländern die Entwicklung des Nationalstaates insofern kanalisieren, als dass damit der moderne Wohlfahrtsstaat geschaffen wurde. Wohlhabende Eliten, die gemeinsam mit ärmeren Massen auf einem bestimmten Territorium wohnten, wollten diese ruhigstellen, und waren aus diesem Grund zu gewissen Zugeständnissen bereit, die der Errichtung des Sozialstaates den Boden bereiteten. Die Idee der gegenseitigen Fürsorge ist nicht erst mit der Nation entstanden, allerdings hat die Nation einen Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen Fürsorge – über Familien und Clans hinaus – stattfinden sollte. Auch reaktionär spielt das Argument des Wohlfahrtsstaates bei Debatten darum, weil Teil der Nation ist, eine wichtige Rolle, da es von MigrantInnen allzu oft heißt, dass sie diesen Wohlfahrtsstaat ausbeuten würden, indem sie z.B. mehr Kinder als der Durchschnitt der Bevölkerung bekommen und deshalb mehr Familienbeihilfe beziehen, öfter Wohnbeihilfe bekommen, österreichische Pensionen erhalten etc. Die gleiche Seite der Medaille offenbart auch, dass viele der reichen Nicht-MigrantInnen sich weigern, für eben diesen Sozialstaat Steuern zu zahlen, und ihr Geld lieber in sogenannten „Steueroasen“ oder „Stiftungen“ parken.

Gibt es auch „positiven“ Nationalismus?

Prinzipiell wird Nationalismus als gefährlich angesehen, weil er Menschen unter dem Namen der „Nation“ vereinigt, die nicht dieselben Interessen haben. Die unterschiedlichen Schichten oder Klassen der Gesellschaft – wie immer man es benennen will, denn dass es Unterschiede gibt, ist offensichtlich – vertreten unterschiedliche Belange. Zumindest der Theorie nach sollte beispielsweise die ArbeiterInnenschaft keine nationalistischen Interessen haben. Wie gehen wir dann damit um, dass rechtspopulistische und –extreme Parteien gerade beim sogenannten „kleinen Mann“ und der „kleinen Frau“ solchen Zulauf finden? Ist das Heilsversprechen, das die Nation gibt, letztendlich doch attraktiver als eine vage Idee – vielleicht sogar Utopie – eines internationalen Zusammenschlusses des Proletariats, der in der Art, wie Marx und Co. ihn beschrieben haben, noch nie bestanden hat? Ist der Grundgedanke, dass ArbeiterInnen sich immer und überall international solidarisieren und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen wollen, dass sie also gewissermaßen „ethisch“ handeln würden, nicht eher eine moralische Forderung als eine Tatsache? Zumindest ist die Nation unmittelbarer, greifbarer, weil sie bereits existiert, und daher auch unmittelbare Lösungen für Probleme verheißt. Gewerkschaften agieren in diesem Sinn national, auch wenn es natürlich Kooperationen zwischen verschiedenen Gewerkschaftsgruppen z.B. auch auf EU-Ebene gibt, denn sie treten für nationale Lösungen für gesellschaftliche Probleme in der Gesellschaft ein, à la „Belgische Jobs für belgische ArbeiterInnen“, als es um die Erhaltung des Opel-Werkes in Antwerpen ging. Viele Parteien, Gruppen und Einzelpersonen, die sich links nennen, sind dennoch oft sehr nationalistisch. Evident wird das am Beispiel Israel-Palästina, bei dem manche meinen, dass man sich im Gegenspiel von starkem und schwachem Imperialismus auf die Seite des Schwächeren, d.h. Palästina, stellen und die Forderung nach einer eigenen Nation unterstützen müsse. Welche Logik steht dahinter?

Übernationale Projekte

Die EU ist ein Projekt, viele Nationen zusammenzufassen und einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu schaffen sowie gemeinsam Politik zu entwickeln, aber ist sie deswegen „übernational“? Vielmehr wird eine neue, größere Nation geschaffen, die aber nicht die Idee der Nation selber übersteigt. Ist „Erasmus“, das die Mobilität der StudentInnen innerhalb der EU erhöhen soll, ein Versuch, europäischen Nationalismus zu schaffen? Oder kann Erasmus dazu beitragen, über jegliche nationale Grenzen hinweg zu sehen, und offener für das Leben in einer anderen Region der Welt zu sein? Transnationale Konzerne sind vielleicht die einzigen Institutionen, die tatsächlich nationale Grenzen hinter sich lassen – aber tun sie das? Inwiefern ist die Standortpolitik transnationaler Grenzen eher durch sogenannte Wettbewerbsvorteile, die manche Nationalstaaten bieten, bestimmt? Jemand, der z.B. bei IBM arbeitet, kann tatsächlich einmal an diesem Ort und einmal an jenem Ort der Erde eingesetzt werden, und bewegt sich insofern im internationalen Raum, denn die Arbeitsbedingungen sind überall sehr ähnlich, aber warum befinden sich genau an diesen Orten eben die Zentralen des Konzerns?

Resumée

Zusammenfassend ist mir vor allem wichtig, hervorzuheben, dass bei der Diskussion Nationalismus immer wieder in Zusammenhang mit Identität gebracht wurde. Diese Kategorie scheint sehr entscheidend für eine tiefere Analyse von Nationalismus und Nation zu sein, da sie sozusagen an die Wurzel des Problems geht, und sich die Frage stellt, wie eine Welt ohne Nationen aussehen würde. Nationen sind zudem mit der Entwicklung des globalen Kapitalismus verbunden, um wirtschaftliche Beziehungen zu erleichtern.

Nicht in der Diskussion besprochen wurden beispielsweise die Fragen, welche Rolle nationale Symbole in unserem Alltagsleben spielen. Auch hier geht es wieder um Identifikation: Ein informeller Test am Germanistik-Institut der Uni Wien hat gezeigt, dass sich ÖsterreicherInnen unter österreichischer „Nationalkultur“ z.B. eher österreichisch-böhmisch-ungarische Kulinarik und romantisch-verklärte Szenen der Monarchie vorstellen, Deutsche sich eher auf die hochkulturellen Leistungen Deutschlands beziehen, und FranzösInnen sehr oft politische Ideale wie die der Französischen Revolution als ihre „Kultur“ bezeichnen.

Wie gehen wir außerdem mit dem Phänomen transnationaler Identitäten um, die durch die beständige Mobilität zwischen den Nationen geschaffen werden? Entwickelt sich in diesem Feld ein übernationaler Raum, der abseits nationaler Kategorien steht? Inwiefern sind transnationale Identitäten doch wieder auf Nationen bezogen?

Eine Kritik zu der Idee der „imagined communities“:

Davidson, Neil (2007): Reimagined communities. In: International Socialism, 117, Online

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5 Responses to “Bericht – Nationalismus”

  1. Yann December 30, 2011 at 9:52 pm #

    Dieser Bericht ist super! Sehr umfassend und tiefgehend. Sehr viele Fragen und Beiträge der Diskussion sind gut ausgearbeitet. Ich finde es auch gut, dass wir versuchen, die Frage der Nation und Nationalismus in einem historischen Rahmen zu verstehen.

    Es würde toll sein, wenn jemand diesen Bericht auf Englisch übersetzen könnte, damit auch Leute in Antwerpen hierauf reagieren können. Ich übersetze momentan den Bericht der Diskussion von Antwerpen, damit wir beide Diskussionen (oder zumindest beide Berichte) vergleichen können und auch Leute in Wien eventuell Kommentar und Kritik geben können.

    Persönlich war für mich in Antwerpen klarer, wer für oder gegen Nationalismus war (alle waren dagegen). Irgendwie habe ich das ein bisschen vermisst in der Diskussion in Wien. Niemand muss sich unbedingt darüber aussprechen, aber meiner Meinung nach macht es die Diskussion interessanter. Ich finde es bewundernswert, dass sich die meisten Teilnehmer in Wien „mit Vorsicht“, d.h. nicht vorschnell, eine Meinung über ein Thema wie Nationalismus bilden, und sich nicht rücksichtlos darüber äußern. Es ist eine Eigenschaft, die ich vielleicht zu oft vermisse. Andererseits bin ich der Meinung, dass man sich öfter positionieren soll, sogar wenn man selber die Frage noch nicht total mit Argumenten beantworten kann. Natürlich nur, wenn das Gefühl „richtig“ ist, ich will ja niemand dazu zwingen. Denn die meisten unter uns diskutieren nicht, weil es eine pure intellektuelle Herausforderung ist, sondern weil es um wichtige gesellschaftliche Probleme geht, die wir verstehen wollen, um vielleicht etwas daran zu ändern, oder? Ist es dann nicht logisch, dass wir in der Diskussion einen Standpunkt einnehmen oder zumindest Aussprachen wie: „Mir scheint Nationalismus gut/schlecht/gefährlich/progressiv/…“ machen und uns nicht scheinbar „neutral“ halten? Meiner Ansicht nach drehen sich die Diskussionen, die wir führen, also um die Entwicklung von klaren Standpunkten, nicht unbedingt den gleichen, und nicht um „akademische“ Diskussionen.

  2. Yann December 30, 2011 at 9:53 pm #

    Ich habe letztens eine Broschüre („Anarchism against nationalism“) der „Anarchist Federation“ gelesen, die für mich ein paar Sachen geklärt hat, die ich hier gerne teilen will. Was ist eine Nation eigentlich? Früher fand ich die Antwort, die ich in Antwerpen hörte, eine der besten: eine Nation sind alle Leute, die sagen, dass sie zu eine Nation gehören. Oft wird diese Nation mit einem Territorium verbunden. Ich fand es gut, denn sie steht im Gegensatz zur klassischen Antwort, dass die Nation etwas „natürlich gewachsenes“ ist, „eine gewisse Gemeinsamkeit, die alle Menschen auf einem gewissen Territorium teilen“. Aber wie den Bericht schon erwähnt, ist das ja nichts natürliches. Aber die gegebene Antwort reicht nicht, denn es widerlegt die klassische Antwort nicht. Vielleicht ist eine bessere Schritt, was ein Teilnehmer in der Diskussion in Wien sagte: „die Nation ist der Struktur, der Menschen in eine gewisse historische Kontext geschaffen haben“. Meiner Meinung nach stimmt das, aber nicht für die Nation, sondern für die Nationalstaat, was nicht das gleiche ist. Oder wie der Anarchist Federation es sagt:

    “Like capitalism itself, the idea of the modern nation-state didn’t appear from nowhere, but developed out of pre-existing conditions. However, capitalism as a total economic system and the world of sovereign nation-states are historical novelties, standing in contrast to a long history of feudal and imperial state forms. The modern nation-state is a product of the revolutions of the Eighteenth century which marked the decline of the feudal period and the rise of capitalism as a world system. But the phenomenon did not fall from the sky upon the storming of the Bastille1, it was nurtured and developed as capitalism itself evolved and matured.” (Anarchism against nationalism, S. 9)

    “The era of monarchs and subjects was replaced by the era of ‘citizens’. A period of competing dynasties gave way to the modern period of competing nations. Following the revolutions in France and America, the liberal conception of the state which laid the basis for nationalism solidified. It wasn’t programmatic, and didn’t need to be, as it wasn’t conjured into reality from the minds of intellectuals but from the needs of a developing class society to create the conditions for its own perpetuation.
    The idea was articulated in French Declaration of Rights of 1795 as follows: “Each people is independent and sovereign, whatever the number of individuals who compose it and the extent of the territory it occupies. This sovereignty is inalienable”. This understanding of the role of the state stood in contrast to the absolutism of earlier periods. Now it was the ‘people’ who were sovereign, not the person of the divinely ordained ruler. But during this period there was no clear definition of what made a ‘people’. It was circular, and relied on the territory and population of existing states, as at this point there was little in the way of attempts to define national citizenship or ‘peoples’ on linguistic, cultural or racial grounds. It was nearly always a question of practicality. The ‘science’ and library on national definition would not explode until a century later.” (Anarchism against nationalism, S. 10)

    “The understanding of nationality in terms of ethnic, cultural and linguistic distinctiveness came later, in the course of intellectual debates about what made a nation, and what ‘nations’, however defined, deserved expression through a nation-state. Once the principle of the state as the expression of the sovereign ‘people’ was established, the process of definition of ‘peoples’ intensified throughout the Nineteenth Century. The political theorist John Stuart Mill mulled over the criteria of common ethnicity, language, religion, territory and history. But even as thinkers were debating where the ‘people’ came from, the issue was mostly understood in terms of practicability. Which ‘peoples’ should make nations was a question of viability, and the nations which were viable were often actually existing ones.” (Anarchism against nationalism, S. 11)

    Also, laut der Broschüre besteht “die Nation” nicht, und ist es ein ideologisches Argument von Cliques des Bürgertums um ihre neue Staten zu gründen. Oder verstehe ich es falsch?
    „Der Nationalismus gebärt in vielen Beispielen der Geschichte nicht die Nation, sondern die Nation den Nationalismus“ steht im Bericht. Ist es nicht andersherum, wie diese internationalistische Anarchisten behaupten? Ich glaube es schon.

  3. Raffa February 11, 2012 at 9:27 pm #

    Es ist zwar schon eine Weile her, aber ich versuche dennoch, auf deine Fragen bzw. Anmerkungen einzugehen:
    1. Ich stimme nicht überein, dass sich jede(r) immer sofort positionieren sollte. Erstens kann das für manche MitdiskutantInnen gerade zu Beginn einer Diskussion unangenehm sein, insbesondere dann, wenn die eigene Position für einen selber vielleicht nicht ganz klar ist. Wenn man ein vorurteilsfreies Diskussionsklima will, sollte es jedem/jeder freistehen, darüber zu entscheiden, ob er/sie sich auf irgendeine Weise positionieren will. Zweitens dient eine Diskussion ja auch dazu, einen Denkprozess zu gewissen Themen einzuleiten, und eigene Positionen zu formen oder zu überdenken. Eigene Einstellungen, auch zu Nationalismus und anderen Dingen, sind niemals statisch, sondern einem ständigen Prozess des Verwerfens und der Neuformung unterworfen. Drittens sind Vereinfachungen à la “Nationalismus ist gut/schlecht” nicht besonders hilfreich für eine Diskussion, wenn verschiedene Seiten eines Themas beleuchtet werden sollen.
    2. Mit meiner Schlussfolgerung, dass Nationalismus erst aus der Nation heraus entsteht, meinte ich, dass Nationalismus als Bezugssystem die Nation braucht, und wenn diese nicht zuvor schon gedacht/imaginiert wurde, wie könnte Nationalismus dann funktionieren? Sicher kann man das Verhältnis zwischen Nation und Nationalismus aber nicht so einfach beschreiben, denn sie sind voneinander abhängig und daher kann es gewissermaßen kein “vorher” und “nachher” geben, sondern nur ein “gleichzeitig” geben.
    3. Ich glaube, dass die AutorInnen dieser Anarchist Federation sehr viel aus Benedict Andersons “Imagined Communities” zitiert haben 😉 Ein sehr empfehlenswertes Buch in jedem Fall. Darin wird anschaulich der Zusammenhang zwischen dem Entstehen des Buchmarktes als ersten Vorboten des modernen Kapitalismus und dem Aufkommen von Nationalbewusstsein beschrieben.
    Um in einer Zeit der großen sprachlichen Unterschiede – denn Nationalsprachen gab es noch nicht – einen größeren Absatzmarkt für Bücher zu schaffen, sollten Schriftsprachen für ein größeres Territorium geschaffen werden. Die unterschiedlichen Dialekte wurden in einer kleineren Anzahl von Schriftsprachen zusammengefasst, die aber trotzdem für die meisten Lesekundigen noch irgendwie verständlich waren. Sie bildeten eine Grundlage für die Kommunikation abseits vom Lateinischen und dennoch überrregionaler als die Dialekte. Auf diese Weise wurden sich viele Menschen der Reichweite ihrer Sprache bewusst, und dass sie Grenzen hatte, außerhalb derer eine andere Sprache gesprochen wurde. Die Sprachen wurden durch diesen Vereinheitlichungsprozess im Zusammenhang mit dem Buchdruck aber auch fixiert, d.h. sie entwickelten sich nun viel langsamer als in der Zeit zuvor weiter, weil sie in Büchern immer wieder reproduziert und von einer immer größeren Anzahl von Menschen erlernt wurden. Die Idee, dass Sprache etwas Fixes und Ewiges ist, wurde später in die Vorstellungen über die Nation integriert. Durch die Hierarchisierung von Sprachen in Schriftsprache und Dialekte/Umgangssprachen etc. entstand auch eine Hierarchisierung in “Nation” und “Unternationen”, wobei dieses Nationalbewusstsein zeitgleich erst im Wachsen war. Die Schriftsprachen entwickelten sich allmählich zu Nationalsprachen, wobei die Grenzen nie vollkommen deckungsgleich sind. Anderson argumentiert auf jeden Fall, dass der Buchmarkt und das damit forcierte Durchsetzen von Schriftsprachen entscheidend für die Entwicklung von Nationalbewusstsein und damit Nationen war.
    Weiterführend kann ich außerdem Stuart Halls Text “Kulturelle Identität und Globalisierung” empfehlen.
    4. Sicher habe ich mich in meiner Zusammenfassung der Diskussion oft auf die Nation im Sinn von Nationalstaat bezogen. Die Gleichsetzung von Nation mit Nationalstaat passiert sowohl in Alltagsgesprächen als auch in den Medien und der wissenschaftlichen Literatur über dieses Thema offenbar so häufig, dass sie gar nicht mehr hinterfragt wird – auch von mir nicht. Aber wenn man schon über das Thema Nationalismus diskutiert, sollte so etwas natürlich nicht passieren 😉

  4. Yann February 11, 2012 at 10:10 pm #

    Danke für deine interessante Antwort.

    Was du sagst über positionieren oder nicht, finde ich wichtig. Ich bin mit dem Wesen deiner Argumentation einverstanden. Mit Positionierung meinte ich natürlich nicht, dass jede(r) nur sagen soll ob sie/er Nationalismus “gut” oder “böse” findet. Ich habe auch nicht gesagt, dass jede(r) sich “sofort” positionieren sollte. Aber du hast ja recht, dass ich nicht ungeduldig sein soll und von anderen erwarten soll, dass sie nach dieser einzige Diskussion schon eine “Konklusion” ziehen sollen. Das erwarte ich aber nicht. Ich kann mich aber schwer vorstellen, dass man total keine “Gefühle” hat bei einem Thema wie Nationalismus. Ich will mich auf jeden Fall einsetzen um die Argumente/Zögerungen von den anderen Teilnehmern der Diskussion zu verstehen (hoffentlich mahce ich das auch). Weil ich noch immer glaube, dass irgendwelche Form von Nationalismus/Regionalismus eine Gefahr für die Schaffung einer neue und bessere Gesellschaft für alle formt, werde ich geduldig weitere Argumenten anführen.
    Das letzte bedeutet nicht, dass ich nichts lernen kann und/oder mein Standpunkt auf richtige/tiefgründige Argumente stützt. Deshalb schlage ich einige Fragen für weitere Diskussion vor: Was ist eine Nation? Was ist den Unterschied mit einem Nationalstaat? Sind alle Leute, die sagen, dass sie zu einer Nation gehören, eine Nation? Ist die Nation entstanden als ideologisches Argument von Cliques des Bürgertums um ihre neue Staten zu gründen, wie die Anarchist Federation behauptet? Ich kann schon sagen, dass ich einverstanden bin mit deiner Vorgehensweise um Nationalismus und Nation in engen zusammenhang zu verstehen.

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  1. Report – the Belgian government crisis and the nationalist question « Discussion Group Spartacus - January 2, 2012

    […] held in Antwerp (Belgium) on 5/10/2010 about nationalism. The translation was made following the discussion about nationalism in Vienna on 8/12/2011, so that comparisons could be made between the two meetings for further discussion and clarity […]

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